Ohne Denkmäler wären die Dörfer austauschbar

Die denkmalschutzpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen Dr. Sabine Weigand informiert sich in Straßkirchen

Von Theresia Wildfeuer

Salzweg. Mehr Finanzhilfen für private Besitzer von Denkmälern zum Erhalt und zur Nutzung historischer Bauten und mehr Personal in den Denkmalschutz-Behörden hat MdL Dr. Sabine Weigand, die denkmalschutzpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, bei einem Besuch auf der Straßkirchner Scheibe und im Gutsbräu Straßkirchen gefordert. Die Parlamentarierin, die auch einen Teil der weitläufigen, historischen Braukeller besichtigte, machte auf Einladung von Astrid Gelaudemans, Vorsitzende des Kreisverbands der Grünen in Passau, auf ihrer Denkmaltour durch Bayern in Straßkirchen Station.

Anliegen des Treffens sei der Erhalt und die Nutzung von Denkmälern in privater Hand, sagte Astrid Gelaudemans auf der Straßkirchner Scheibe vor dem beeindruckenden geschützten Ensemble aus Pfarrkirche St. Ägidius, Gutsgebäude, altem Schulhaus und „Zaglauerhaus“, die den historischen Ortskern bilden und auch unter Einzelschutz stehen. Das „Zaglauerhaus“, einst Kramerei, beherberge die Bücherei und das Jugendzentrum. Auf der Scheibe fänden Prozessionen, Tanzfeste, der Weihnachtsmarkt des Werbevereins Salzweg-Straßkirchen und freitags ein Landmarkt statt, erzählte sie den Teilnehmern, darunter stellvertretender Landrat Hans Koller, Dr. Thomas Kupferschmied vom Landesamt für Denkmalpflege, Alois Spieleder von der Unteren Denkmalschutzbehörde, Kreisheimatpfleger Georg Schurm, Gemeinderat Christian Domes, Jörg Schäfer von den Grünen sowie Christian Böhm, Eigentümer der Gutsgebäude und wie Alois Koller vom Gasthof Koller Besitzer eines Teils der riesigen Braukeller.

„Ich bin beeindruckt von dem Ensemble“, schwärmte Historikerin Sabine Weigand. Auf ihrer Denkmaltour wolle sie erfahren, wo die Eigentümer von Denkmälern der Schuh drückt, und sie mit den amtlichen Denkmalschützern zusammenbringen, um zu erfahren, wo Unterstützung möglich ist, um ein „wunderbares Haus mit Seele“ zu erhalten. Es gelte, Denkmäler als Chance und Wert zu erkennen. Sie stifteten Identität. „Hätten wir keine Denkmäler, wären unsere Dörfer austauschbar“, sagte Weigand. Es seien Spuren in die Vergangenheit. Gerade in Zeiten der Globalisierung sei die eigene kleine Heimat wichtig.

Christian Böhm, der die Gutsgebäude in langer Familientradition weiterführt, schilderte, wie schwierig der Erhalt ist, nachdem der Wald aufgrund der enormen Schäden durch den Klimawandel als Einnahmequelle wegfällt. Im Zuge der Ortskernsanierung über das Städtebauförderungsprogramm vor rund zehn Jahren habe er einen kleinen Zuschuss zur Fassadensanierung erhalten. Er habe keine Mittel der Denkmalpflege beantragt. Alois Koller kritisierte, dass es versäumt wurde, seine Anträge für Fassaden-Zuschüsse einzureichen.

Er bewundere, wie schön hier in Straßkirchen dennoch alles gestaltet wurde, sagte stellvertretender Landrat Hans Koller. Im Landkreis gebe es viele schützenswerte Objekte, deren Erhalt für die Eigentümer nicht immer einfach ist. Man dürfe sie nicht alleine lassen, müsse den Mehraufwand abdecken. Die Besitzer müssten sich melden. Der Landkreis versuche zu helfen.

Die Denkmalschutzbehörden würden hierbei beraten, sagte Thomas Kupferschmied, dies gerate oft in Vergessenheit. Es gebe auch Mittel über das Amt für Ländliche Entwicklung und den Bezirk. Über Anträge im Rahmen des Städtebauförderungsprogramm werde er nicht informiert. Dies sei zu ändern, sagte Kreisheimatpfleger Schurm. Alois Spieleder riet, sich bei Maßnahmen rechtzeitig an die Denkmalschutzbehörde zu wenden.

Die Bürger würden im „Förder-Dschungel“ nicht durchblicken, monierte Weigand. Dies liege an der Doppelstruktur der Denkmalpflege in Bayern. Das Landesdenkmalamt sei überlastet, um Förderberatung zu leisten. Die Untere Denkmalschutzbehörde sei nicht weisungsbefugt. Sie forderte mehr Geld und Personal für die Denkmalpflege, um private Eigentümer von Denkmälern bessere Hilfestellung zu geben.

Christian Böhm erläuterte die schwierige Umnutzung der großen Gutsgebäude. Eine Besonderheit des historischen Erbes sind die riesigen Kelleranlagen mit Hallen und Gängen unter dem Straßkirchner Ortskern, die zum Teil aus der Zeit der einstigen Gutsbrauerei von Carl Hellmannsberger, Urgroßvater von Christian Böhm, stammen. Es handle sich um die größten Kelleranlagen Niederbayerns, sagte Alois Koller. Sie erstreckten sich über zwei Untergeschoße und befänden sich unter dem Gut, dem Gasthof Koller, der Bayerwaldstraße und unter Gärten. Seit der Ortskernsanierung durch die Gemeinde Salzweg gebe es jedoch Wassereinbrüche, bedauerte Alois Koller.

Hier würden private Eigentümer im Regen stehengelassen, monierte Christian Böhm. Baufirma, Architekturbüro und Gemeinde verbockten es. Briefe, Besprechungen mit Bürgermeistern, eine Klage und ein Ortstermin mit dem Landrat fruchteten nichts, sagte Koller. Er wolle das Gasthaus verkaufen.

„Was haben wir ohne Denkmäler zum Vorzeigen?“, fragte Astrid Gelaudemans am Ende. Es gelte, die Gebäude zu erhalten und zu nutzen. „Ein Haus mit Seele, das sich selbst erhält, ist der perfekte Denkmalschutz“, ist sie überzeugt.

GESCHICHTLICHES

Der Name Straßkirchen habe wie das Wort Salzweg mit dem Goldenen Steig zu tun, der Handelsweg von Passau nach Böhmen des frühen 16. Jahrhunderts, auf dem die Säumer an der „Kirche an der Straße“ vorbeikamen, erzählte Christian Domes. Es sei die erste Kirche mit Gutshof am Goldenen Steig.

Christian Böhm schilderte, dass in der Wirtschaft am Goldenen Steig schon im 16. Jahrhundert Bier gebraut wurde. Seine Vorfahren entwickelten dies im 18./19. Jahrhundert weiter. Das Gut habe auch ein Bräustüberl beherbergt. Der heutige Gasthof Koller aus dem Jahr 1835 habe zur Lagerung der Holzfässer gedient.

Später habe man den Gutshof vergrößert, um Landwirtschaft zu betreiben. Sein Urgroßvater habe die Brauerei 1906 verkauft und den Landwirtschaftsbetrieb weitergeführt. Seine Eltern gaben diesen in den 1960er Jahren auf.

Alois Koller erläuterte die historischen Braukeller. Im zweiten Untergeschoß seien an den Gewölben die Jahreszahlen 1837 und 1879 zu lesen. Die kleineren Keller seien um 200 Jahre älter. Nach Kriegsende nutzten US-Einheiten die Keller als Fett- und Öllager. Später habe es hier eine Pilzzucht gegeben. Auch Heimatabende fanden statt. In den riesigen Hallen habe man Fußball gespielt und Brieftaubenschauen veranstaltet. Sogar eine Autowerkstatt sei eingezogen. Vor zehn Jahren habe er die Keller geräumt.

Quelle: Passauer Neue Presse vom 05.09.2020

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